Sind wir alle traumatisiert?


Sind wir alle traumatisiert?

In letzter Zeit beschäftige ich mich sehr viel mit der Geschichte Deutschlands.

Sicher nicht auf eine akademische Art und Weise, sondern in Bezug auf die emotionale und biographische Auswirkung der beiden Weltkriege.

Mein Leben lang dachte ich so bei mir, warum wir Deutschen emotional so gedrückt scheinen. So wenig spontane Gefühlsäußerungen, so wenig Lebendigkeit und so wenig Lebensfreude.

Wenn ich in die vorbeifahrenden Autos blicke, sehe ich meist gestresste und unglückliche Gesichter. In Begegnungen wie z.B. auf der Straße oder in Geschäften wird meine Kontaktaufnahme durch ein Lächeln oft gar nicht wahrgenommen.

Am Bahnhof gibt es oft nur die innige Beziehung mit dem Handy, welche das Warten leichter machen soll.

Wo sind all die Gefühle, all das Leben geblieben?

Nun bin ich tiefer getaucht in diese speziell deutsche emotionale Unterkühlung.

Da kamen mir die zwei Weltkriege in den Sinn und ich begann eine persönlich sehr schmerzvolle Reise in die deutsche Geschichte anzutreten. Ich entdeckte dabei das ganze Ausmass an traumatischen Erfahrungen die meine Urgroßeltern, Großeltern und Eltern, und alle anderen erleben mussten.

Es ist nicht so, dass ich mich die ganzen Jahre vorher nicht damit beschäftigt hätte. Das habe ich schon getan. Doch diese Reise war ein Talfahrt in den größten Schmerz meiner Ahnen, unserer Kultur und des Menschseins. Ein Meer an Grausamkeit, Leid, Angst und Schrecken.

In meinem ganzen Körper konnte ich die Angst vor Vernichtung fühlen. Was für eine unendliche Angst. In mir tanzte der Holocaust und all die menschliche Grausamkeit. Es war schrecklich und eine Stimme in mir sagte ganz klar:

Du kommst nur aus dem Tal, wenn Du im Tal bleibst!

Folgend bin ich dann über Wochen durch diesen im Körper und der Seele fühlbaren Schmerz hindurch gegangen.Ich habe mir Filme und Dokumentationen über die Kriege und über den Nazionalsolzialismus angeschaut. Habe eigene Gefühlsarbeit gemacht, mich ins Bett verkrochen und geweint.

All das tat ich um fühlend das deutsche Trauma zu verstehen.

Dadurch habe ich erkannt, warum wir Deutschen es so schwer haben mit dem lebendigen Leben. Es ist nicht nur das kühle Klima.

Bis heute haben wir diese Vergangenheit und deren emotionalen Folgen verdrängt. Ich glaube, dass viele sogenannten Kriegsenkel diese Aufarbeitung seit ein paar Jahren leisten.

Auch ich tue dies ganz bewusst.  So nach und nach bemerke ich eine wundervolle Freiheit in mir, die Dinge anzusprechen, die im Tabu dieses Landes und meiner eigenen Familie liegen.

Das Aussprechen der eigenen Wahrnehmung und Wahrheit war und scheint immer noch gefährlich. Die Angst vor Verfolgung und Ermordung sitzt tief, wie auch die „alte“ deutsche Erziehung die den Menschen hart machen sollte, damit er in Grausamkeit funktionieren konnte.

So folgen wir von Gereration zu Generation einem unterdrückenden Schweigen über all das was war und damit auch über das was ist. Und das macht taub.

Deshalb wünsche ich uns allen, dass wir den Mut haben inne zu halten und uns selbst und unserere Geschichte zu begegnen.

Ja, auch wenn da der Schmerz und die Angst sind!

Das sind Gefühlsanteile in uns, und wenn wir beginnen diese zu fühlen, wilkommen zu heißen und diese nicht mehr weghaben wollen, fangen wir wieder an Freude, Liebe, Lust und Lebendigkeit zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen.

Das ist seelische Trümmerarbeit!

Und diese lohnt sich für uns selbst, unsere Lieben und die ganze Welt.

 

In diesem Sinne

Augen auf nach Innen!

Frauke